Was sie mit ihren zwei Augen schon alles erlebt und gesehen hat, wird kaum zu sagen sein. Vielleicht lag sie die letzten zwanzig Jahre irgendwo in einer Kiste, vergessen unter all den alten Schallplatten, zusammen mit einer alten Voigtländer, Opfer des technischen Fortschritts. Vielleicht stand sie in einer Vitrine, zur Dekoration, neben altem, wertvollen Porzellan. Vielleicht wussten ihre Vorbesitzer aber auch um ihre Qualität, vertrauten ihr guten Film an, trugen sie hinaus, hinaus auf die Straßen, spannten ihren Verschluss, betätigten den Auslöser.

Etwa 60 Jahre muss es her sein, da verließ sie die Werkstatt für Feinmechanik und Optik, Franke & Heidecke, ansässig in der Salzdahlumer Straße 196 in Braunschweig. Sie galt als Meilenstein in der Kameraentwicklung. Schön, elegant. Divaähnliches Verhalten kennt sie nicht. Ihre Mechanik ist leichtgängig, ihr Sucher hell und sie versprüht wahre Freude. Freude am Schauen, am Spannen (womit weiß Gott keine Straftat gemeint ist), am Auslösen. Am Bauch fühlt sie sich besonders wohl, scheut aber dennoch keine noch so ausgefeilte Verrenkung.

Mein Traum war es immer, eine bei mir zu haben, mit ihr zusammen meine Umwelt wahrzunehmen. Ich kann nicht sagen, wann mir der Gedanke an die Fotografie kam. Als Kind spielte ich mit einer einfachen analogen Plastikkamera herum, verlor sie. Irgendwann kam die erste Digicam. Einfach, weil ich zu dieser Zeit geboren wurde, weil ich unweigerlich Teil des technischen Fortschrittes war und bin. Ich bin nicht böse darum, erfreue ich mich doch täglich an der Einfachheit mancher Dinge, an den Möglichkeiten, die dieser Fortschritt mit sich brachte und immer noch bringt. Nach der digitalen Spiegelreflexkamera muss nun aber ein Rückschritt her. Ein 60 jähriger Rückschritt, der sich allerdings ganz anders anfühlt. Wie ein Fortschritt. Ein Fortschritt in Sachen Kreativität und Freiheit. In Sachen Selbsterkenntnis.

Sie ist ein Stück Kamerageschichte. Ein großes Stück. Und sie hat, trotz ihres Alters, nichts an ihrer Faszination verloren. Die Rolleiflex ist vollkommen mechanisch aufgebaut. Sie braucht keine Batterie um zu funktionieren. Sie hat nicht einmal ein Fach für eine vorgesehen. Nimmt man sie in die Hand, fühlt sie sich schwer und kantig an, zeitgleich aber elegant und sanft. Die Rädchen drehen lautlos, der Verschluss klackt leise. Und das seit über 60 Jahren.

Sie ist zurück. Zurück in Braunschweig. 1951 ist 2011.

Der vergangene Sonntag war super. Workshop stand auf dem Programm. Workshop bei Spürsinn. Cyanotypie. Mir geht dieses Blau einfach nicht mehr aus dem Kopf. Da ich ja schon einmal in die Cyanotypie reinschnuppern durfte, wusste ich im Groben schon was auf mich zukommen würde, lernte allerdings trotzdem noch eine Menge. Der grobe Ablauf war Begrüßung, Einführung, Papier vorbereiten, Papier- und Pinselkunde, Negativbearbeitung, Cyanotypien erstellen. Wir sollten einige analoge oder digitale Negative mitbringen, um eine Grundlage für unsere Cyanotypien zu haben. Blöderweise habe ich meine Bilder mit zu geringer Auflösung gespeichert und sie in Sachen Kontrast auch nicht stark genug bearbeitet. Und natürlich nahm ich mein MacBook nicht mit, da ich ja alles auf dem Stick dabei hatte. Ja ja. Ging aber trotzdem irgendwie.

Die wichtigste Information, oder besser Erfahrung, die ich aus dem Kurs mitnahm, da ich ja nun schon wusste wie die Bilder entstehen, wie das Papier bestrichen werden muss, wie lang es trocknen muss, wie lang es belichtet wird und welche Chemiebäder es nach der Belichtung nehmen darf, war die, dass die Negative so stark im Kontrast bearbeitet werden müssen, das man sie sich so nicht mehr an die Wand hängen würde. (Was ein beschissener Satz!) Genau dann sind sie als Vorlage für eine Cyanotypie geeignet. Also – dem Augenkrebsrisiko mutig entgegentreten, es lohnt sich.

Jeder hat allerdings ein anderes ästhetisches Empfinden und wird seine Cyanotypien diesem entsprechend anpassen. Es gibt nämlich schon einige Parameter, an denen man ziehen und schieben kann, um seinen komplett eigenen Stil in die Bilder zu bringen. Wie soll zum Beispiel der Rand aussehen? Eher gleichmäßig oder ausgefranst? Wie groß wird das Negativ abgebildet? Welches Papier verwende ich? Bestreiche ich das Papier doppelt, damit das Blau gegebenenfalls noch intensiver wird? Na ja, und so weiter.

Zum Abschluss noch ein einigermaßen gelungenes Bild aus dem Kurs und ein großes Dankeschön an Frauke und Michael! (Das Bild war mal ein analoges Kleinbildnegativ – eingescannt, bearbeitet und vergrößert auf Spürsinn BluePrint ausgedruckt und dann als Negativ für die Cyanotypie benutzt.)

Vor vier Tagen habe ich hier einige Bilder gezeigt. Der Titel lautete »Boxbilder« und hat ja schon so einiges verraten, aber jetzt wird es noch mal konkret; die Bilder stammen aus einer Box. Genauer, aus einer Agfa Synchro Box. Baujahr irgendwann zwischen 1951 und 1957.

Auf einem Braunschweiger Flohmarkt von Tilla Pe und Herrn Trout gekauft und repariert, hat sie schließlich den Weg zu ihrem letzten Zuhause gefunden. Tja, was soll ich sagen. Format 6×9. Einfach ziemlich groß, im Vergleich jedenfalls zum Kleinbild. Und es macht riesigen Spaß mit dem Teil durch die Walachei zu wandern und Fotos mit ihr zu machen. Es sind andere Fotos. Fotos mit einem ungeheuren Charme. Find ich jedenfalls. Mit einer festen Brennweite, zwei Blendenstufen, die man durch das Ziehen einer Metallplatte verändert, Belichtungszeiten von etwa 1/20 Sekunde und Bulb, ist dieses kleine, große, kantige Schätzchen einfach etwas ganz Besonderes.

Die Boxbilder stammen übrigens von einem im Jahr 2006 abgelaufenen Ilford HP5 und wurden bei Spürsinn mit der »alles-wird-gut-Mischung« aus ihrer MixTour entwickelt. Mal sehen, was man mit dem Kästchen noch so alles machen kann. Sie wird jetzt jedenfalls des öfteren Mal meine Begleiterin sein.

Bis dahin, fröhliches »KoDAK« euch allen.

(Skript © Arnfried Kemnitz)

Graphentheorie. Am Montag, dem 15. August dieses wundervollen Jahres 2011, schreibe ich die Klausur. Zwei Stunden lang werde ich, mit dem Stift in der Hand, auf einem Platz in einem 300 Leute Raum sitzen und mich mit Graphen und ihren Eigenschaften befassen. Auf etwa 100 Seiten Skript in etwa 36 Stunden Vorlesung, zusätzlichen 30 Seiten Beweisen und etlichen Seiten Übung, wurde versucht, den Stoff irgendwie an den Mann zu bringen. Der Dozent hat den Inhalt relativ anschaulich, verständlich und mit einer gewissen Begeisterung erklärt. Beste Voraussetzungen also.

Am Montag kann man dann nun beweisen, dass man etwas gelernt hat. Anwesend war ich ja schon mal regelmäßig jedes Mal. Aufgepasst habe ich auch. Hausaufgaben habe ich auch gemacht. Das Skript gerade einmal überflogen, die Definitionen von chromatischem Index, stabiler Menge und maximaler Clique noch drauf, die Sätze sind auch einigermaßen verständlich, der eine mehr, der andere weniger. Fehlen nur noch die Beweise. Die Klausur ist relativ wichtig, denn sie gibt 10 Leistungspunkte. Der gesamte Bachelorstudiengang umfasst 180 Leistungspunkte. Mit einer guten Note, steht man hier also doch ein wenig besser da, als ohne. Aber ich habe ja auch noch eine Woche Zeit.

Montag ist Stichtag.

Sky

Nach einigen Wochen fast täglich schlechten Wetters, kommt in den letzten Tagen endlich mal wieder ein wenig die Sonne raus, der Himmel wird blau und man kann sich in T-Shirt und kurzer Hose draußen blicken lassen. Die Bauernregel »Wie das Wetter am Siebenschläfer sich verhält, ist es sieben Wochen lang bestellt.«; scheint dieses Jahr leider auch nicht zuzutreffen. Aber bis zum Herbstanfang sind ja noch etwa eineinhalb Monate Zeit, genug also, um noch ein paar Sonnentage zu genießen. Falls sie denn kommen. Bis dahin vertreib ich mir die Regentage (die hoffentlich nicht kommen werden) mit ein wenig blauem Himmel auf dem Desktop.

Für alle, die dies auch möchten, gibt es das Bild wieder als Wallpaper zum Runterladen (Rechtsklick -> Verknüpfte Datei speichern unter…).

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